I. Das Marktpotenzial: Barrierefreiheit als Business-Faktor
Viele Betriebe verbinden Barrierefreiheit zunächst mit Investitionskosten oder baulichen Herausforderungen. Dabei wird häufig übersehen, welches wirtschaftliche Potenzial hinter einem barrierearmen Angebot steckt. Leon Fuchs erklärt, warum Barrierefreiheit längst kein Nischenthema mehr ist und wie Betriebe neue Gästegruppen erschließen können.
Anna-Lena: Barrierefreiheit wird in der Praxis oft als reines Sozialthema oder lästige Pflicht abgetan. Warum ist es in Wahrheit einer der unterschätztesten Wachstumsmärkte für Hotels und Restaurants?
Leon: Die Barrierefreiheit ist deshalb ein unterschätztes Potenzial, weil man denkt, dass die nur eventuell immense Kosten verursacht und ohne effektiv mehr Gäste zu erreichen. Dies ist aber nachweislich nicht so, weil viele körperlich eingeschränkte Menschen, ob Senioren oder Familien mit Kindern sowie Menschen mit einer Begleitperson / Assistenz oder berufliche Feiern, wo Menschen mit körperlichen Einschränkungen dabei sind, entscheiden sie sich für das Restaurant / Gastronomiebetrieb, der ebenerdig oder durch eine Rampe besuchbar ist. Das gleiche Prinzip ist in der Hotellerie, auch anwendbar mit dem Unterschied, dass es ein höheres Einnahmepotenzial hat.
Anna-Lena: Rund ein Viertel der Bevölkerung von Senioren über Familien mit Kinderwagen bis hin zu Menschen mit Schwerbehinderung profitiert direkt von barrierefreien Angeboten. Wie können Betriebe diese treue und oft kaufkräftige Zielgruppe gezielt für sich gewinnen?
Leon: Um die Zielgruppe erreichen zu können, muss es nicht immer direkt teure Strukturumbaumaßnahmen sein, sondern es kann auch oft reichen Möbel und Objekte clever umzustrukturieren oder flexibel zu verschieben, um den nötigen Platz zu schaffen. Das Gute ist: Dafür braucht es selten teure, strukturelle Umbauten.
Hotelzimmer und Gastronomiebetriebe sind oft starr nach alten Mindestmaßen für manuelle Rollstühle geplant. Die Realität sieht aber so aus, dass Gäste heute meistens mit modernen E-Rollstühlen reisen, die ein gutes Stück länger und breiter sind. Die brauchen ganz andere Wendekreise. Wenn diese kleineren Maßnahmen mitbedacht werden, kann das dazu führen, dass innerhalb der Community, Betrieben sowie öffentlichen Gruppen positiv berichtet wird und dadurch Gäste in Gastronomie und Hotellerie gewonnen werden. Bedenkt man, dass diese Empfehlungen im Gedächtnis bleiben, durch den einfachen Besuch des Gastbetriebes, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Gast mehrfach den Gastbetrieb besuchen wird. Und sowie für Feste in Betracht gezogen werden kann. Auf persönliche Empfehlungen wird im Allgemeinen was barrierefreies Reisen und Gastronomiebesuche angeht, in der Gesellschaft stark vertraut und hohen Wert zugesprochen.
Anna-Lena: Gibt es konkrete Erfahrungswerte darüber, wie sich Investitionen in Barrierefreiheit (wie rollstuhlgerechte Zugänge oder angepasste Zimmer) langfristig auf die Auslastung und die Kundenzufriedenheit auswirken?
Leon: Wenn man eine Berechnung für Gastronomie und Hotellerie ausstellen würde, ist Barrierefreiheit ein noch zu ungenutztes Potenzial. In diesen Branchen geht man nur beispielhaft von einem Hotelzimmer, was diese Umgestaltung beinhaltet, aus, was pro Nacht 250 bis 380 Euro kostet. Bleibt es nicht bei der einen Person sitzt, sondern viele Personen haben Begleitpersonen oder Familie dabei, also verdoppelt sich die Einnahme durch den Gast 3-fach. Und bei der Gastronomie geht man ja beispielhaft von 35 – 45 Euro pro Person aus, diese ist ebenso häufig nicht alleine und hat entweder eine Begleitperson oder mehrere dabei, die automatisch die Einnahmen mindestens verdoppeln, sodass das barrierefreie Gestalten im Gastgewerbe durchaus finanziell lukrativ sein kann.
II. Die digitale Gästereise: Barrierefreiheit beginnt im Netz
Die erste Barriere begegnet Gästen oft nicht vor Ort, sondern bereits bei der Recherche. Wer Informationen nicht findet oder eine Website nicht bedienen kann, wird häufig gar nicht erst zum Gast. Deshalb beginnt Barrierefreiheit lange vor dem eigentlichen Besuch.
Anna-Lena: Die Gästereise beginnt nicht erst an der Rezeption oder an der Türschwelle, sondern im Internet. Warum scheitern viele barrierefreie Urlaube oder Restaurantbesuche schon bei der Online-Buchung?
Leon: Die meiste Ursache außer die physischen Barrierefreiheiten ist das passende Informationen, die für den Besuch einer körperlich eingeschränkten Person auch dementsprechend wichtig sein kann, nicht auf der offiziellen Website des Gastbetriebes zu finden sind. Eine barrierefreie Website und Buchungssystem würde die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass mehr Gäste mit Beeinträchtigungen sich für diesen entscheiden.
Anna-Lena: Welche Anforderungen müssen digitale Buchungssysteme und Websites von Hotels und Gastronomiebetrieben heute erfüllen, um wirklich barrierefrei zu sein?
Leon: Passende Informationen, wie z.B. das Vorhandensein einer Rampe (auf Nachfrage), die Möglichkeit der Höhenverstellung von Esstischen, oder der Ausstattung in Sanitärräumen sollten möglichst auf den offiziellen Websites erläutert werden. Zudem sind die online verfügbaren Buchungssysteme oft nicht mit Hilfstechnologie, wie z.B. Sprachausgabe oder individuelle Textgrößeneinstellung nutzbar, sodass viele potenzielle Gäste mit Behinderungen sich direkt für einen anderen Betrieb entscheiden.
Anna-Lena: Warum ist eine ehrliche und transparente Kommunikation im Vorfeld, also das klare Benennen von dem, was geht und was vielleicht noch nicht geht für betroffene Gäste so entscheidend?
Leon: Diese Informationen sind für die Planung und Entscheidung maßgeblich und der Gast kann, wenn erforderlich, eigene Hilfsmittel mitnehmen. Die Planung einer Reise bei körperlich eingeschränkten Personen erfolgt meist zeitlich im Voraus, weil diese Prozesse, wie z.B. die Kostenübernahme sowie die Verfügbarkeit der erforderlichen Zimmer beantragt als auch vorher schriftlich angefragt werden müssen, sodass eine kurzfristige Buchung ausgeschlossen ist.
III. Die physische Gästereise: Hürden erkennen und abbauen
Ist die Buchung geschafft, entscheidet die Realität vor Ort über das Gästeerlebnis. Oft sind es nicht die offensichtlichen Barrieren, sondern scheinbare Kleinigkeiten, die über Selbstständigkeit, Komfort und Aufenthaltsqualität entscheiden.
Anna-Lena: Wenn man die klassische Gästereise vor Ort vom Parkplatz über den Eingang bis hin zum Tisch oder dem Hotelzimmer analysiert: Wo verstecken sich die häufigsten baulichen Hürden, die Sehenden oder Fußgängern gar nicht auffallen?
Leon: Häufigste bauliche Hürden sind:
- Durchgänge zwischen Bett und Wand/anderem Mobiliar
- Fehlende Blindenleitsysteme
- Zu niedriger Wenderadius vor Aufzugstüren
Anna-Lena: Ein rollstuhlgerechtes Zimmer nützt wenig, wenn der Frühstücksraum, die Terrasse oder die Toiletten nicht zugänglich sind. Warum greift ein punktueller Umbau oft zu kurz und warum braucht es einen ganzheitlichen Check?
Leon: Ein punktueller Umbau zur Beseitigung von Barrieren ist zwar ein möglicher Schritt, jedoch nicht nachhaltig, da nur die zur Zeit des Umbaus bekannten Barrieren behoben werden. Ohne einen fachkundigen Check, wo auch nicht direkt sichtbare Barrieren erkannt werden können, fängt man zwar punktuell die punktuellen Barrieren abzubauen. Wenn man dann neue Barrieren sieht, und ohne dass der Check durchgeführt wird, führt dies im Endeffekt zu höheren Ausgaben für mehrfache punktuelle Barrierefreiheitsumbauten, was wiederum für einen fachkundigen Barrierefreiheitscheck (und damit verbunden die Reduzierung von mehrfachen Planungskosten) spricht.
Anna-Lena: Viele Betreiber älterer Immobilien fürchten Konflikte mit dem Denkmalschutz oder immense Kosten bei Umbauten nach DIN-Normen. Welche pragmatischen Lösungen und Zwischenschritte gibt es, um Barrieren auch mit kleinerem Budget spürbar abzubauen?
Leon:
- Umstrukturierung und Anpassung des Mobiliars im Hotelzimmer
- Schulung von Mitarbeitern zum Thema Umgang mit körperlich eingeschränkten Personen
IV. Gesetzliche Vorgaben & die Zukunft der Branche
Neben wirtschaftlichen Chancen spielen auch Qualitätsstandards und Zukunftssicherheit eine wichtige Rolle. Wer sich frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzt, kann Risiken minimieren und sich gleichzeitig strategische Vorteile sichern.
Anna-Lena: Welche Rolle spielen spezialisierte Beratungen und Vor-Ort-Analysen (wie DIN-basierte Checks), um Haftungsrisiken für Betreiber zu minimieren und gleichzeitig echte Barrierefreiheit zu garantieren?
Leon: Die spezialisierten Beratungen zur Barrierefreiheit spielen in den Branchen eine entscheidende Rolle, um die Zielgruppe der körperlich eingeschränkten Personen sowie Senioren, Schwangeren, als auch Menschen mit Kinderwagen zu erschließen und optimal Barrieren abzubauen sowie zusätzliche Einnahmen zu generieren.
Anna-Lena: Wo steht die deutsche Hotellerie und Gastronomie im internationalen Vergleich beim Thema Barrierefreiheit, und welche Trends werden die kommenden Jahre prägen?
Leon: Das Gastgewerbe in Deutschland ist auf einem guten Weg, trotzdem ist noch viel zu tun, bedenkt man, dass der demokratische Wandel und längere Lebenserwartungen zu mehr Personen in unserer Gesellschaft führen, die eine körperliche Beeinträchtigung haben. Bedenkt man, dass nur 3 % aller Schwerbehinderungen in Deutschland angeboren sind, die restlichen Behinderungen jedoch im Laufe des Leben auftreten, ist Barrierefreiheit kein Nischenprodukt, sondern eine immer stetig wachsende Zielgruppe, die das Gastgewerbe nutzen wird.
V. Servicequalität & Haltung: Barrierefreiheit im Kopf
Barrierefreiheit zeigt sich nicht nur in Gebäuden, sondern vor allem im Umgang mit Menschen. Oft sind Aufmerksamkeit, Offenheit und die richtige Kommunikation entscheidender als jede bauliche Maßnahme.
Anna-Lena: Barrierefreiheit besteht nicht nur aus Beton, Rampen und automatischen Türen, sondern ist auch eine Frage der Haltung. Wie sensibilisiert und schult man das Servicepersonal richtig für den Umgang mit Gästen mit unterschiedlichen Einschränkungen?
Leon:
- Durch spezialisierte, fachlich fundierte Schulungen, die den richtigen, respektvollen und rücksichtsvollen Umgang mit Personen mit Behinderungen aufzeigt
- Schulungen sollten nicht nur Theorie, sondern realitätsnahe Praxis beinhalten
- Die Teilnehmer werden aktiv mit einbezogen
Anna-Lena: Welche kleinen, nicht-baulichen Veränderungen im Service-Alltag (z. B. Speisekarten mit hohem Kontrast, gut geschultes Personal bei Seh- oder Hörbehinderungen) haben oft die größte positive Wirkung auf das Gasterlebnis?
Leon: Offenheit, Flexibilität, Berücksichtigung individueller Einschränkungen
Barrierefreiheit ist kein Sonderthema für wenige Gäste, sondern ein Qualitätsmerkmal moderner Gastlichkeit. Wer Zugänglichkeit ganzheitlich denkt, erschließt neue Zielgruppen, stärkt die Gästezufriedenheit und positioniert den eigenen Betrieb zukunftssicher.
Leon Fuchs macht deutlich: Oft sind es nicht die großen Umbauten, sondern die Kombination aus durchdachter Gestaltung, transparenter Kommunikation und einer offenen Servicekultur, die den entscheidenden Unterschied macht.
Sie möchten mehr darüber erfahren, wie Barrierefreiheit konkret in Ihrem Betrieb umgesetzt werden kann? Leon Fuchs wird auch beim Zukunftsforum am 15. September als Ansprechpartner vor Ort sein und seine Expertise rund um barrierefreie Gästeerlebnisse im Gastgewerbe einbringen.