In diesem Best-Practice-Interview geht es um einen erfolgreichen Generationswechsel in einem Hotel Betrieb in Arnsberg: Die Eltern haben den Betrieb an ihre Tochter übergeben, die ihn heute eigenständig führt. Gemeinsam mit den Eltern reflektiert sie, welche Erfahrungen, Learnings und Herausforderungen mit einer Übergabe verbunden sind. Ein besonderer Fokus liegt auf Daten, Kennzahlen, Digitalisierung, Nachhaltigkeit, inklusive der Frage nach passenden Zertifizierungen und der Frage, wie ein Betrieb zukunftsfähig gestaltet werden kann. Ziel des Interviews ist es, praxisnahe Impulse zu geben und anderen Betrieben Orientierung zu bieten, die sich auf die Übergabe vorbereiten oder die nächste Generation aktiv einbinden möchten.
Friederike Menge
Wie seid ihr an das Thema Unternehmensnachfolge / Übergabe herangegangen und was hat euch dabei besonders beschäftigt?
Mir, als übernehmende Generation, war es ganz wichtig eine „Probezeit“ zu haben. Ich war über 10 Jahre in Großstädten in der Welt unterwegs und wusste nicht, ob ich Zuhause, in Arnsberg und mit meinen Eltern überhaupt wieder arbeiten und leben kann. 6 Monate habe ich mir Zeit gelassen, mit gearbeitet, aber noch keine wichtigen Aufgaben übernommen. Für meine Eltern war die diese Probezeit auch wichtig, da es Ihnen die Sicherheit gegeben hat, dass ich die richtige Entscheidung treffen werden und nicht übereilt möglicherweise falsch entschieden hätte.
Welche Rolle spielt für euch die nächste Generation in der Planung, als Entscheidungsträger*innen, Gestalter*innen oder Impulsgeber*innen?
Sobald die nächste Generation sagt „ich mache es“, ist sie unser Meinung nach die treibende und stärkste Kraft. Schließlich hat sie jetzt noch ihr Leben in und mit dem Unternehmen vor sich. Sie sollte hier die führende Hand sein und den Weg vorgeben. Wichtig ist, dass die „alte“ Generation die neue machen lässt, aber die neue sich auch Argumente und Ansichten der alten annimmt. Kommunikation ist einfach das A und O. Damit die Übergabe erfolgreich werden kann, müssen einfach alle Parteien mit offenen Karten spielen und auch Ihre Wünsche und Bedürfnisse äußern dürfen. Für uns war es sehr wichtig, dass sich jeder Gedanken über die nächsten 2,5,10, 15 Jahre macht, privat und beruflich
Welche Kennzahlen oder Daten sind für euch bei der Übergabe besonders wichtig gewesen?
Ehrlich gesagt spielte das nur eine kleine Rolle. Natürlich sollte das Unternehmen gesund und gefestigt sein. Ich denke kein Elternteil übergibt gerne ein „krankes Unternehmen“ an die nächste Generation. Sollte es aber doch so sein, ist es einfach wichtig, dass man darüber offen und ehrlich redet.
In unserer Branche gibt es zahlreiche Nachhaltigkeits- und Qualitätszertifizierungen. Wie seid ihr bei der Auswahl vorgegangen? Wie habt ihr euch einen Überblick verschafft und welche Kriterien waren für eure Entscheidung ausschlaggebend? (Auch im Hinblick auf zukünftige Investitionen, Fördermöglichkeiten oder strategische Weiterentwicklungen?)
Ich wollte eine Zertifizierung, die nicht nur den Ökologischen Aspekt hat, sondern es ganzheitlicher betrachtet. Die mich nicht „zwingt“ sofort große Investitionen zu machen um das Zertifikat/Siegel zu bekommen. So bin ich auf die Gemeinwohl Ökonomie gestoßen. Hier wird das Unternehmen ganzheitlich betrachtet. Wie geht man nachhaltig mit seinen Mitarbeitern, Lieferanten, sich selbst als Unternehmer*in und mit der Umgebung um. Die Bepunktung ist sehr klar und strukturiert und auf jedes Unternehmen anwendbar. Man kann hier nicht durchfallen, sondern nur wenig Punkte erhalten. Für unser Unternehmen fand ich das am passendsten
Welche Erfahrungen habt ihr gemacht, wie man Nachhaltigkeit in den Alltag integriert, ohne die Wirtschaftlichkeit zu gefährden?
Man muss nicht glaube, dass an nur mit großen Veränderung Dinge bewirken kann. Auch kleinere Sache machen schon sehr viel aus. In der Gemeinwohl Ökonomie wird Nachhaltigkeit ganzheitlich gedacht, auch in Bezug auf die Umgebung, unsere Gemeinschaft und die Leute, die darin wohnen. Wenn man ortsansässige Vereine, wie Fussballclubs, Heimatbund, etc. unterstützt hat das schon einen großen Einfluss auf die Allgemeinheit. Zudem haben wir auch einfach mal unser Frühstücksangebot überdacht und alle Verpackungen verbannt, sodass wir komplett plastikfrei sind. Rechnungen versenden wir nur noch digital. Nur auf explizite nachfrage, drucken wir die Rechnungen aus.
Welche digitalen Tools oder Prozesse haben euch bei der Übergabe oder der täglichen Arbeit unterstützt?
Wir haben unser Hotelprogramm gewechselt, sodass wir mehr Möglichkeiten haben mit den Gästen zu kommunizieren, vor allem automatisiert wie z.B Bestätigung, Rechnung, pre-arrival E-Mail usw.
Bestellungen machen wir weitergehend auch digital, so haben wir einfach einen besseren über Bestellungen und wer was wann gemacht hat. Das gleiche gilt für unsere Mitarbeiterplanung. Diese haben wir digitalisiert, sodass jeder zu jederzeit auf seine Informationen zugreifen kann. Dies vereinfacht natürlich die Planung, den Überblick und die Lohnabrechnung.
Welche Chancen seht ihr durch Digitalisierung für die Zukunft des Betriebs?
Meiner Meinung nach wird es unserer Hotellerie sehr helfen. Prozesse wie check in / check out können vereinfacht werden. Die Gästekommunikation vor, während und nach dem Aufenthalt wird deutlich vereinfacht und für die Gäste viel informativer und schneller.
Was würdet ihr aus heutiger Sicht anders machen bei der Planung oder Umsetzung der Unternehmensnachfolge?
Tatsächlich finden wir, haben wir es für uns persönlich sehr gut hinbekommen und gut gemeistert.
Welchen Rat würdet ihr anderen geben, die sich auf die Übergabe vorbereiten oder die nächste Generation aktiv einbinden möchten?
Holt euch auch Hilfe von außen und steht für das ein was ihr euch wünscht. Redet über eure Wünsche und Ziele, privat wie beruflich, mit der „alten“ Generation. Schreibt euch besprochene Dinge auf, lass sie sacken und redet 2 Wochen später nochmal drüber.